Ein Mann sitzt auf einer Parkbank, im Vordergrund sind viele E-Scooter und vorbeilaufende Menschen. Ein Mann sitzt auf einer Parkbank, im Vordergrund sind viele E-Scooter und vorbeilaufende Menschen. Ein Mann sitzt auf einer Parkbank, im Vordergrund sind viele E-Scooter und vorbeilaufende Menschen.

Kinder müssen ausprobieren und scheitern dürfen

Publiziert
Mai 2023
Themen
Fokus 01/2023 Gastbeitrag

Future Skills kann man nicht im Frontalunterricht vermitteln Kinder brauchen Freiräume, um sie sich selbst anzueignen. Erfahren Sie mehr darüber.

 

Früher standen fachliche Kompetenzen stärker im Vordergrund als heute. Ein Schreiner musste mit Holz umgehen können, eine Bäckerin mit Mehl und Hefe. Wenn die Berufsleute ihre Tätigkeit zuverlässig und treu ausübten, wurden sie als solche vermutlich geschätzt. In unserem heutigen Arbeitsleben gewinnen hingegen die sogenannten transformatorischen Fähigkeiten an Bedeutung. Das sind Kompetenzen, die wir in ganz unterschiedlichen Bereichen anwenden können.

 

Heute braucht es Offenheit und Gestaltungswillen

Spricht man von Future Skills, kommen deshalb Schlagwörter wie diese ins Spiel: Eigeninitiative, Begeisterungsfähigkeit, Offenheit, Gestaltungswille. Aber auch strategisches Denken und emotionale Intelligenz, Innovationskompetenz und Kommunikationsstärke zählen zu den Fähigkeiten, die in Zukunft (noch mehr als heute) gefragt sind. Obwohl dieses Feld sehr breit angelegt ist, haben die Fähigkeiten einen gemeinsamen Nenner: Sie lassen sich nicht vermitteln, sondern vor allem üben. Es handelt sich um ganzheitliche Lebenskompetenzen, die wir schrittweise erwerben und durch häufiges Anwenden vertiefen.

Wie also schaffen wir es, dass die Erwachsenen von morgen solche Fähigkeiten entwickeln? Indem wir Kindern Raum und Zeit geben. Sie müssen Langeweile aushalten, damit Platz für Kreativität entsteht. Und dann ausprobieren und scheitern dürfen, eigene Schlüsse daraus ziehen, Entscheidungen treffen. Und zwar sowohl allein als auch in der Gruppe. Diese Fähigkeit wird ihnen später ermöglichen, ihre Zukunft als Gemeinschaft zu formen. Denn wir müssen uns darauf einstellen, dass die Zukunft radikal verschieden von dem sein kann, was heute ist. Erfahrungen und Traditionen reichen als Leitplanken nicht mehr aus.

 

Zukunft in Szenarien gefasst

Das haben wir am Gottlieb Duttweiler Institut in einer Studie versucht darzulegen. Als Forschungsmaterial dienten unterschiedliche Erzählungen über die Zukunft, von Hollywoodfilmen bis hin zu politischen Visionen. Diese vielen Narrative teilten wir vier Extremszenarien zu, die man als Eckpunkte betrachten kann. Irgendwo dazwischen wird sich unser künftiges Leben vermutlich abspielen.

Das wohlwollendste Szenario gleicht jener Zukunft, über die wir in Bezug auf Future Skills oft sprechen: Hochintelligente Menschen arbeiten Hand in Hand mit einer weit entwickelten Technologie. Alle leben im Überfluss, und wer arbeitet, tut dies aus einer intrinsischen Motivation heraus.

 

Mut lohnt sich

Ein bisschen erprobt haben wir dieses letzte Szenario ja schon. Als während Corona plötzlich die Homeoffice-Pflicht eingeführt wurde, fielen Präsenzkontrollen weg. Die meisten haben dadurch nicht einfach aufgehört zu arbeiten. Besonders wichtig dünkt mich in diesem Zusammenhang, dass wir auch ohne Krise lernen, mutig zu sein. Sie erinnern sich: Forderungen nach mehr Homeoffice wurden vor der Pandemie aus Angst vor Unproduktivität abgeschmettert. Die Erfahrung hat uns das Gegenteil gelehrt.

Um die Zukunft nicht bloss als etwas, was rund um uns herum passiert, wahrzunehmen, müssen wir genau solche Denkmuster aufbrechen und als Gemeinschaft Visionen entwickeln. Denn wir bestimmen heute mit, wie die Zukunft aussehen wird. Dann brauchen wir uns nicht mehr zu überlegen, welches Szenario oder welche Teile davon wohl irgendwann eintreffen werden. Vielmehr werden wir zu Akteuren, die unsere Zukunft mitgestalten.

 

Mann schaut zum Fenster einer Tramstation hinaus

Dr. Jakub Samochowiec ist Senior Researcher und Speaker am Gottlieb Duttweiler Institut. Der promovierte Sozialpsychologe analysiert gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen mit den Schwerpunkten Entscheidung, Alter, Medien und Konsum.

Die Studie im Überblick

Das Gottlieb Duttweiler Institut hat die Studie «Future Skills» im Jahr 2020 im Auftrag der Jacobs Foundation erstellt. Die vier Szenarien, wie die Schweiz im Jahr 2050 aussehen könnte, sind die folgenden:

  • Kollaps: Internationaler Handel ist inexistent und die Globalisierung gescheitert. Lokale Gemeinschaften organisieren sich neu.
  • Gig-Economy-Prekariat: Maschinen haben viele Jobs übernommen und für eine technologisierte Arbeitslosigkeit gesorgt. Die Menschen verdingen sich als digitale Tagelöhner mit wenigen Rechten.
  • Netto-Null: Die Hoffnung, den Klimawandel mit Fortschritt zu stoppen, ist verflogen. Man versucht auf lokaler Ebene, null CO²-Emissionen zu erreichen.
  • Voll automatisierter KI-Luxus: Maschinen haben den Menschen viele Jobs abgenommen. Davon profitieren alle. Die Bevölkerung steht damit vor der Herausforderung, ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Um Kinder und Jugendliche dazu zu befähigen, ihre Zukunft innerhalb dieses Rahmens zu gestalten, schlägt die Studie drei Kategorien von Kompetenzen vor: Wissen, Wollen und Wirken. Das Wissen muss schnell erweitert werden können. Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, aber auch Wahres von Falschem trennen zu können, gewinnt an Bedeutung. Ausgehend von diesem reflektierten Ist-Zustand, stellt sich die Frage: Wo wollen wir hin? Um sie beantworten zu können, brauchen künftige Erwachsene die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse und Gefühle einzuordnen sowie neugierig voranzugehen. Die Gemeinschaft bleibt existenziell, denn viele Probleme unserer Zeit lassen sich nur zusammen lösen. Beim Wirken geht es schliesslich darum, die entwickelten Ideen in die Tat umzusetzen. Dafür braucht es praktische, umsetzungsstarke Fertigkeiten, aber auch Selbstwirksamkeit, Kommunikationsfähigkeit und Empathie.